Stuttgart 21, Schlichtung, Analyse

Der Schlichter Dr. Heiner Geißler hat den Zweck der Schlichtung zu Stuttgart 21 formuliert als „Aufklärung“ der Bevölkerung. Es soll nachvollziehbar informiert werden über die Sinnhaftigkeit des Projektes. Wesentlich hierfür ist die Öffentlichkeit der Schlichtung. Aber in dem Informations-Overkill und den rhetorischen Spielchen der Protagonisten geht der eigentliche sachliche Fortschritt leicht unter. Dr. Geißler versucht dem zu begegnen und macht dabei einen tollen Job. Und er tritt entschieden einer Unterstellung entgegen:

„Dass wir sagen wir sind ehrlich, aber in Wirklichkeit machen wir was ganz anderes, aber das tun wir eben nicht. Wir wollen hier ehrlich bleiben. Und natürlich gibt es unterschiedliche Fakten, die kann man unterschiedlich bewerten.“ (2. Termin, 11:31 Uhr)

Das deckt sich aber nicht unbedingt mit dem Eindruck, den man nach Analyse der Gespräche erhält. Es drängt sich der Eindruck auf, es müsste in einigen Punkten hinsichtlich dieses Zieles bis zum Ende der Gespräch noch etwas deutlicher nachgehalten werden: Viele Informationen wurden zurückgehalten, Fragen lange nicht beantwortet, wichtige Aspekte verschwiegen, und vieles war einfach nicht richtig, was die Befürworter vorbrachten. – Ganz abgesehen von den Tricks mit Strohmann-Argumenten, Milchmädchenrechnungen, suggestiven Darstellungen oder gar ausgesprochenem Zynismus.

Relative Häufigkeit der Stilmittel in den SchlichtungsgesprächenIm zweiten Teil von Dr. Geißlers Aussage deutet sich eine weitere Schwäche des Verfahrens an. Wer nimmt denn am Ende die „Bewertung“ vor, auf welcher Basis?  Wer führt die Informationen zusammen und plausibilisiert sie? Dr. Geißler orakelt davon, dass es keine „absolute Wahrheit“ gibt und am Ende eine „Abwägung“ stehen wird (5. Termin 10:03 Uhr). Wir alle dürfen dem „Schauspiel“ (2.10:40) zusehen, aber selbst der Journalismus tut sich schwer den Fakten zu folgen oder ist zurückhaltend, wenn es darum geht, die Spielchen im Schauspiel beim Namen zu nennen, sie berichten oft nur von Stimmungen.

Versuchen wir, die Bevölkerung, uns einfach selbst am „Faktencheck„. Eine einfache Sortierung der Kernaussagen nach Themen und die Benennung der beobachteten Tricks kann tiefe Einblicke liefern:

Im Sinne von Dr. Heiner Geißlers aufklärerischem Aufruf zum „selbständigen Denken“ (1.10:15) ist jeder herzlich eingeladen mitzuarbeiten. Ein Klick auf die Voransicht der Auswertungs-Tabelle führt auf den aktuellen Stand der Analyse. Anregungen oder Kritik dazu können einfach als Kommentar unten auf dieser Seite gebracht werden. Am besten möglichst genau zitiert und wenn möglich mit Angabe der Minute im Schlichtungsgespräch.

Aktuell hat die Auswertung noch Stichproben-Charakter. Es zeigt sich aber bisher inbesondere auf der Befürworter-Seite eine beunruhigende Menge von rhetorischen, argumentativen und Verfahrens-Tricks, die bezüglich der Faktenbasis des Projektes tief beunruhigen können. Wer sich eine Passage der Gespräche anhand der vorliegenden Videostreams anschaut, wird noch eine Fülle mehr entdecken. Am besten gleich mitprotokollieren: Z.B. in den gemeinschaftlich erstellten Wortprotokollen (einfach im Wiki anmelden und mitarbeiten).

Nach aktuellem Stand der Auswertung drängt sich der Eindruck auf, dass die Öffentlichkeit über eine versprochene Leistung getäuscht wird, die nicht mit den geplanten Kosten zu haben ist (aktuell Abschnitt 5.5 der Auswertung). Und es ist nur ein neuer Zynismus, wenn nun Ministerpräsident Mappus großzügig die Schlichtung auch bei Mehrkosten akzeptieren will, als wären jene Folge der Schlichtung, – tatsächlich wurden diese Mehrkosten den Parlamenten gegenüber unterschlagen, während der versprochene Nutzen erst durch diese Investitionen möglich wird.

Welche wichtigen Punkte fehlen in der Tabelle zur Auswertung der Argumentationen, – wo liegt die bisherige Analyse nicht richtig? Gleich hier kommentieren! Aber immer daran denken, wir suchen nicht nur die „reine Wahrheit“, sondern die „lautere Wahrheit“ (Geißler, 5.10:04).

3 Antworten zu Stuttgart 21, Schlichtung, Analyse

  1. Pingback: Schlichtung: Auswertung der Argumentationen und rhetorischen Spielchen | Bei Abriss Aufstand

  2. Pingback: Fazit & Presse-Résumées zum Ende der Schlichtung/Stand der Zus.stellung: 29-11-2010: - Claudia-Jalilas Blog

  3. unparteiischer Beobachter schreibt:

    Nicht „WIE“ sondern „WO“ ist hier die Frage.

    Am derzeitigen Standort kommt offensichtlich entweder nur eine Sanierung des überholten Kopfbahnhofs in Frage, was das bestehnde Schienennetz im Raum Stuttgart nicht nennenswert weiterentwickeln würde oder eben der vielleicht etwas übertriben aufwendige, überteuerte, futuristische, unterirdische Durchgangsbahnhof, der das Bahnkonzept f für Stuttgart sozusagen auf den Kopf stellen würde. Ein Kompromiss zwischen beiden scheint am gegebenen Standort nicht möglich.

    Weshalb wurde aber der Standort des Stuttgarter Hauptbahnhofs scheinbar nie in Frage gestellt wurde. Der Kopfbahnhof wurde doch in einer Zeit gebaut, als sich die Stadt noch weitgehend auf den Kessel beschränkte. Mittlerweile ist Stuttgart aber insbesondere weit nach Norden ins Neckartal hinausgewachsen. Wieso kommt also nicht z.B. eine geringfügige Verlagerung des Standortes des Hauptbahnhofes nach Norden in Frage?
    Würde man den Stuttgarter Hauptbahnhof nur etwa 2 km aus der Innenstadt heraus nach Norden verlagern, nämlich auf das Gelände des derzeitigen Rangierbahnhofs an der Ehmannstraße, der übrigens für Stuttgart 21 sowieso weichen soll, so sehe ich den Weg frei für einen zentral gelegenen Kompromiss-Durchgangsbahnhof. An diesem Standort könnte ein überirdischer Durchgangsbahnhof errichtet werden, der die Infrastruktur Ideen von Stuttgart 21 und Kopfbahnhof 21 kombiniert. Fernzüge zwischen Karlsruhe oder Mannheim und München könnten die Stadt ohne umdrehen passieren. Mit Hilfe des Vaihinger-Tunnels könnte ein S-Bahnring Zwischen der Stuttgarter Innenstadt, der Universität dem Flughafen, Obertürkheim , Untertürkeim und dem neuen Bahnhof geschaffen werden. An der Stelle des bestehenden Kopfbahnhofs würde man lediglich einen unterirdischen S-Bahnhof, es sei den der Vaihinger-Tunnel ist auch regional- oder fernverkehrsfähig, bauen, den es ja sowieso schon gibt. Eine weitere S-Bahnstation könnte wie geplant an der Mitternachtsstraße bzw. im Bereich des Schloßgarten entstehen. Die Gleisanlagen Zwischen dem bisherigen Kopfbahnhof und einem neuen Durchgangsbahnhof an der Ehmannstraße könnten entfernt und das Gelände für eine Erweiterung der Innenstadt nach Norden zur Verfügung gestellt werden. Der Anschluss an die geplante Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Ulm könnte über die bestehende Strecke durch Untertürkheim, bzw. wie vom Kopfbahnhof 21 Projekt vorgeschlagen, über eine Neubaustrecke zwischen Obertürkheim und Denkendorf erfolgen. Nicht zu vergessen der Abzweig zum Flughafen und Messegelände, der den von mir vorgeschlagenen S-Bahn-Ring ermöglichen würde. Das alles ohne endlos lange, aufwendige, teure und gewagte Tunnelneubauten.

    Zusammengefasst darf die Fragestellung also nicht Kopfbahnhof oder Durchgangsbahnhof heißen, sondern sollte lauten: „Muss der Stuttgarter Hauptbahnhof unbedingt direkt an der prächtigen Königsstraße enden?“ Oder sogar: „Ließe sich, im Zuge einer Verlagerung des Stuttgarter Hauptbahnhofs die Königsstraße und mit ihr das Einkaufszentrum bis zu 2 km nach Norden verlängern?“
    Die Unsinnigkeit von Stuttgart 21 besteht also nicht in der Idee einen funktionalen Durchgangsbahnhof zu bauen, sondern in dem Glauben diesen an einem Standort bauen zu müssen, der durch seine Kessellage dessen Realisierung technologisch unendlich viel aufwendiger und teurer macht, als dies nur c.a. 2 km entfernt der Fall wäre.

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